Das Rollberg Paradise als Praxisfeld für Studierende der Sozialen Arbeit
Wer mag sie nicht, sonnengereifte süße Tomaten? Frisch zubereitet als Salat mit Zwiebeln und Petersilie, geschmort mit Knoblauch und Feta aus dem Ofen oder als fruchtige Soße zu Pasta… Wir im Rollberger Gemeinschaftsgarten lieben die schönen runden Früchte, die den Geschmack des Sommers auf die Zunge zaubern. Problem: So sehr wir Tomaten mögen, so sehr hassen Tomaten Regen und Feuchtigkeit. Viele Hobbygärtner kennen den frustrierenden Moment, wenn man ans Beet tritt, um die liebevoll großgezogenen Tomatenpflanzen anzuschauen und mit entsetztem Gärtnerauge feststellt, dass die Ente wohl der Braunfäule zum Opfer fallen wird. Braunfäule ist eine typische Tomatenkrankheit, die durch einen Pilz verursacht wird. Da Pilze eine warme feuchte Umgebung lieben, gilt es, besonders anfällige Pflanzen wie Tomaten vor Feuchtigkeit zu schützen. Die Notwendigkeit einer Überdachung für die Tomatenpflanzen im Gemeinschaftsgarten Rollberg Paradise wurde durch das Vor-Ort-Team schon lange geäußert, doch nun wurden die Pläne dank einer Kooperation zwischen Fixpunkt gGmbH, der Evangelischen Hochschule Berlin und dem Garten in die Wirklichkeit umgesetzt.Ein Hörsaal im Grünen: „Draußen sein und was schaffen“
Fixpunkt gGmbH ist bereits seit einiger Zeit mit einem Peer-Projekt im Garten verortet, das Menschen mit substanzbezogenen Suchterfahrungen eine Beschäftigung bietet und ihnen so hilft, ihrem Alltag wieder eine feste Struktur zu geben. Die Teilnehmenden säubern die angrenzenden Grünflächen von Spritzen und Konsumutensilien, packen aber auch im Garten mit an und helfen beim Gießen, Kompost-Umschichten oder was eben gerade anfällt. Von April bis Juli 2026 hat die Gruppe sich nun mit Studierenden der Sozialen Arbeit der Evangelischen Hochschule Berlin zusammengetan, um in Absprache mit dem Gartenteam der Prinzessinnengärten einen Regenschutz für die empfindlichen Tomatenpflanzen zu bauen. Das Vorhaben lief unter dem Titel „Gemeinsam Stadtnatur gestalten – Partizipativ soziale Teilhabe praktisch und wissenschaftlich erproben“ und sollte sowohl Studierenden praxisnah vermitteln, wie niedrigschwellige Suchthilfe gestaltet werden kann, als auch betroffenen Menschen mit Suchtgeschichte die Erfahrung sozialer Teilhabe und Begegnung ermöglichen.
Und das Ergebnis kann sich sehen lassen! Die Tomaten sind trocken und glücklich, die Gärtnernden demnach ebenso glücklich und die Projektteilnehmenden beider Seiten haben ausschließlich positives Feedback zu der gemeinsamen Zeit abgegeben. Dazu habe laut der Gruppe auch der Garten als Durchführungsort für das Praxisprojekt beigetragen. Als offen zugänglicher, kostenloser Ort für alle biete er eine integrative Umgebung, die die Begegnung unterschiedlicher Menschen besonders fördere. Das gemeinsame Anpacken am Beet schaffe eine Kontaktsituation, die einen Dialograum jenseits von Beratungssetting und Bürokratie öffne, so ein Student. Gärten hätten daher ein besonderes Potenzial für die niedrigschwellige therapeutische Suchthilfe.
Gemeinschaft und Selbstwirksamkeit
So wurde auch im Rollberg Paradise aus der Not der Tomaten ein Begegnungsanlass, dessen Auswirkungen weit über das entstandene Holzkonstrukt und die Tomatenernte hinaus reichen. „Gesellschaftliche Vorstellungen von suchtkranken Menschen sind von vielen irrationalen Ängsten und Vorurteilen geprägt“, so Robert Lager, der das Projekt bei Fixpunkt betreut. Durch den regelmäßigen Austausch, der ganz nebenbei bei der Arbeit entsteht, „wächst Verständnis füreinander und du merkst, dass da gar nicht so viel Trennendes zwischen euch liegt. Denn Sucht kann jeden treffen, sie ist keine Frage von Bildung oder Einkommen. So werden Berührungsängste seitens der Studierenden abgebaut und die Gemeinschaftserfahrung ermöglicht v.a. den suchtkranken Menschen wieder soziale Einbindung und Anerkennung zu erleben und Selbstwirksamkeit zu spüren. Erfolgserlebnisse sind ungemein wichtig auf dem Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben.“ Die gemeinsame Arbeit in Gärten sei dafür extrem gut geeignet. Die Vielfalt an Aufgaben ermögliche eine interessenbasierte, selbstbestimmte Auswahl von Tätigkeiten, die den Menschen Spaß machen. Der eine baut, die andere pflanzt, ein Dritter kümmert sich um das gemeinsame Mittagessen für alle. Durch die Regelmäßigkeit der Treffen könne eine feste Struktur geschaffen werden, die die Lebens- und Alltagssituation der Teilnehmenden stabilisiere.
Naturerfahrung und Ruhe
Neben den positiven Auswirkungen des gemeinsamen Arbeitens hebt Rebekka Streck, die das Suchthilfe-Seminar an der Evangelischen Hochschule betreut, die Wirksamkeit von Gärten als „Orten der Schönheit“ in der Suchthilfe hervor. Die Umwelt, in der sich suchtkranke Menschen bewegen, bestünde selten aus geschützten, gepflegten Wohlfühlorten, sondern konzentriere sich in der Stadt häufig um vernachlässigte Plätze, dreckige U-Bahnhöfe und ähnlich unattraktive öffentliche Räume. Hinzu komme, dass suchtkranke Menschen durch ihren Alltag, der durch Suchtdruck, soziale Konflikte und die oft stark aufputschende Wirkung der Drogen selbst geprägt sei, permanent unter Anspannung stehen. Daher brauche es mehr „grüne Oasen in der Stadt“, die als „Orte der Ruhe“ einen Gegenpol zum sonst äußerst stressigen Alltag der suchtkranken Menschen bieten können. Hier können Geist und Nervensystem runterkommen, die Naturerfahrung entschleunigt, senkt Stresshormone. Hier kann man die Hektik der Stadt vergessen, sich ganz anderen Aufgaben widmen, die Natur gibt die Geschwindigkeit vor. Das erleben auch die Teilnehmenden so. Einer beschreibt den Garten mit den Worten: „Mit den Pflanzen und dem Garten ist bisschen Paradies. Find‘s sehr schön hier“, und ein Anderer ergänzt: „Im Garten erholt sich die Seele.“
Und Begegnung geht noch viel mehr
Doch auch wenn solche Projekte von allen Teilnehmenden positiv bewertet werden, bleibt auch ein fader Beigeschmack. Die Studierenden kritisieren v.a., dass es viel zu wenige solcher Ansätze gäbe, obwohl diese so wirksam und erfolgreich seien. Die Förderungen seien zu gering und zu Projektlaufzeiten oft kurz angesetzt. Dies gefährde die Nachhaltigkeit der Ergebnisse. „Was im Gemeinschaftsgarten langsam wächst“, wird nach Projektende nicht fortbestehen, prognostiziert eine Studentin bedauernd und verweist damit auf die Wichtigkeit, aber auch Zerbrechlichkeit von Vertrauens- und Beziehungsarbeit in der Suchthilfe. Projekte, in denen es um menschliche Beziehungen geht, sollten daher möglichst schnell in eine Regelfinanzierung übergehen, sonst verschenke man deren nachhaltige Wirkung.
In diesem Sinne macht Fixpunkt gleich weiter. Diesmal zwar ohne Tischler und die Unterstützung von Studierenden, dafür aber mit Gartenteam und QM wird in der nächsten Woche gemeinsam mit den Projektteilnehmenden in der Gartenküche gekocht. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Volle Bäuche für alle – Gemeinsam kochen für die Nachbarschaft“ seid ihr am 28.07. herzlich eingeladen, vorbeizukommen und einen vegetarischen Burger zu genießen, vielleicht sogar mit Tomaten aus den eigenen Beeten – ohne Braunfäule. Danke liebe Fixpunkt-Peers, danke liebe Studis!
Das Projekt „Wachsen lassen – Gemeinschaftlich gärtnern im Rollberg“ wird gefördert im Programm „Sozialer Zusammenhalt“.
Text: QM Rollberg, Juli 2026, Bilder: QM Rollberg und Evangelische Hochschule Berlin, Juli 2026













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